Moin, liebe Bierfreunde.
Kaum vergeht derzeit ein Monat, in dem nicht wieder eine traditionsreiche deutsche Brauerei Insolvenz anmelden muss. Mannheims älteste Firma, gegründet 1679, macht nach fast 350 Jahren dicht. Eine 700 Jahre alte Brauerei in Kaufbeuren kämpft ums Überleben. Eine Hamburger Brauerei, die erst vor Kurzem eine insolvente Konkurrentin übernommen hat, meldet selbst Insolvenz an. Als Biersommelier verfolge ich diese Entwicklung mit einer Mischung aus Sorge und Frust, und ich wollte es genau wissen: Wie dramatisch ist das Brauereisterben in Deutschland wirklich, welche Brauereien hat es zuletzt konkret getroffen, was sind die Gründe, und was können wir als Konsumenten tun? Hier die Antworten, mit Zahlen, Fakten und meiner persönlichen Einschätzung.
Die Zahlen: Wie dramatisch ist das Brauereisterben wirklich?
Fangen wir mit den nackten Fakten an, die sprechen für sich:
Zur Einordnung: 2019, also im letzten normalen Jahr vor Corona, gab es in Deutschland noch 1.552 Braustätten, so viele wie nie zuvor in der jüngeren Geschichte, größtenteils getragen von einem Boom kleiner Craft-Brauereien. Seitdem geht es kontinuierlich bergab: 2023 waren es 1.511 Brauereien, 2024 nur noch 1.459 (also 52 weniger innerhalb eines einzigen Jahres), und 2025 sank die Zahl auf 1.415. Der Deutsche Brauer-Bund beziffert die Gesamtzahl der Aufgaben in den vergangenen sechs Jahren auf 137 Brauereien. Hauptgeschäftsführer Holger Eichele wählte dafür kürzlich deutliche Worte: Die Branche habe es „weniger mit einer Absatzdelle als mit einer echten Zäsur“ zu tun.
Diese Brauereien hat es zuletzt konkret getroffen
Damit das Ganze nicht abstrakt bleibt, hier die bekanntesten Fälle allein aus den letzten Monaten:
Eichbaum, Mannheim (gegründet 1679)
Der wohl prominenteste und für mich als Biersommelier auch persönlich schmerzhafteste Fall: Nach fast 350 Jahren musste Mannheims älteste Firma trotz mehrerer Rettungsversuche endgültig aufgeben. Die letzten Aufträge werden bis Ende September 2026 abgewickelt. Die ganze Geschichte, inklusive der gescheiterten Rettungskonzepte, habe ich ausführlich in meinem Artikel „Eichbaum-Aus in Mannheim: Warum nach 347 Jahren wirklich Schluss ist“ aufgearbeitet.
Aktienbrauerei Kaufbeuren (gegründet 1308)
Mehr als sieben Jahrhunderte Brautradition schützen offenbar auch nicht vor der aktuellen Krise. Als Gründe nannte der zuständige Sanierer stark gestiegene Energiekosten, einen im Verhältnis zur Produktion zu hohen Personalbestand und zu wenige neue Produkte, etwa im wachsenden Segment alkoholfreier oder zuckerarmer Biere.
Brauerei Ott, Bad Schussenried (Baden-Württemberg)
Den Auftakt einer Serie von gleich drei Insolvenzanmeldungen binnen zehn Tagen im Juni 2026 machte die schwäbische Brauerei Ott. Ein Warnsignal, dass die Krise längst nicht nur Kleinstbetriebe trifft.
Landgang Brauerei, Hamburg (vormals Hopper Bräu, gegründet 2015)
Ein besonders bitteres Beispiel: Erst im Juli 2025 hatte Landgang die insolvente Kieler Craftbier-Brauerei Lille übernommen und wollte auf 5.000 Hektoliter Jahresproduktion wachsen. Tatsächlich erreicht wurden weniger als 3.000 Hektoliter, keine acht Monate später musste das Unternehmen selbst Insolvenz anmelden.
Brauerei Westheim, bei Marsberg (NRW)
Die Gräflich zu Stolberg’sche Brauerei Westheim, bekannt für die Marken Westheimer, Arolser und Allersheimer, befindet sich ebenfalls im Sanierungsverfahren. Immerhin: Produktion, Abfüllung und Auslieferung laufen nach Unternehmensangaben planmäßig weiter, während die Eigenverwaltung nach einer Lösung sucht.
Daneben meldeten in den vergangenen Monaten auch das Hofbrauhaus Wolters in Braunschweig, die oberfränkische Brauerei Leikeim und die Colbitzer Heide-Brauerei bei Magdeburg Insolvenz an. Selbst Branchenriesen wie Oettinger sind laut Berichten nicht immun und bauen Stellen sowie Produktionsstandorte ab, um sich wirtschaftlich über Wasser zu halten.
Die Gründe: Warum brechen so viele Brauereien weg?
Wer glaubt, es liege einfach nur daran, dass Deutschland weniger Bier trinkt, hat nur die halbe Wahrheit erfasst. Die Realität ist ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren:
1. Sinkender Bierkonsum, besonders bei jüngeren Generationen
Der Bierabsatz ist 2025 um sechs Prozent auf 7,8 Milliarden Liter gefallen, der niedrigste Wert seit Beginn der offiziellen Aufzeichnungen 1993 und erstmals unter der psychologisch wichtigen 8-Milliarden-Liter-Marke. Vor allem jüngere Erwachsene greifen zunehmend zu Wein, Cocktails oder komplett alkoholfreien Alternativen. Der Markt für alkoholfreies Bier wächst zwar spürbar, gleicht den Rückgang beim klassischen Bier aber bei Weitem nicht aus, zumal die Umstellung der Produktion darauf selbst wieder Kapital kostet.
2. Explodierte Energie- und Rohstoffkosten
Brauereien zählen zu den energieintensivsten Lebensmittelbetrieben überhaupt, Prozesskühlung und Dampferzeugung verschlingen enorme Mengen Gas und Strom. Dazu kommen gestiegene Löhne sowie höhere Preise für Hopfen, Braumalz, Flaschen und Kohlensäure, alles Kostenblöcke, die sich kurzfristig kaum senken lassen.
3. Die Preiserhöhungen sind ausgereizt
Zwischen 2018 und 2024 konnten viele Brauereien den Mengenrückgang noch durch Preiserhöhungen kompensieren, der Umsatz stieg sogar, obwohl weniger Bier verkauft wurde. 2025 funktionierte dieser Mechanismus erstmals nicht mehr: Der Branchenumsatz brach um 3,7 Prozent ein. Genau an diesem Punkt kippt eine schleichende Absatzflaute in ein echtes Brauereisterben.
4. Enormer Investitionsdruck durch Klimaneutralität
Bis 2045 soll die deutsche Brauwirtschaft klimaneutral produzieren. Für viele Betriebe bedeutet das, praktisch den gesamten Maschinenpark umzubauen, eine Milliardeninvestition für die gesamte Branche, die viele kleinere und mittlere Betriebe schlicht nicht aus eigener Kraft stemmen können.
5. Politische und wirtschaftliche Unsicherheit
Der Deutsche Brauer-Bund fordert von der Bundesregierung niedrigere Energiekosten, weniger Bürokratie und steuerliche Investitionsanreize. Solche Forderungen sind nachvollziehbar, ändern aber erstmal nichts an einem grundsätzlich schrumpfenden Heimatmarkt. Staatshilfen können den Strukturwandel bremsen, aber laut Branchenbeobachtern nicht aufhalten.
Wen trifft es am härtesten, und wen nicht?
Ein Detail aus den Statistiken des Deutschen Brauer-Bunds finde ich besonders aufschlussreich: Nicht alle Brauereigrößen leiden gleich stark. Ganz kleine Braustätten mit unter 1.000 Hektolitern Jahresausstoß, also echte Mikrobrauereien, legen seit 2015 sogar zu. Die Größenklassen dazwischen, klassische mittelständische Regionalbrauereien mit mehreren Zehntausend bis wenigen Hunderttausend Hektolitern, verlieren dagegen zweistellig. Der Grund liegt in der Kostenstruktur: Mikrobrauereien arbeiten oft mit geringen Fixkosten und direktem Kundenkontakt, während der Mittelstand hohe Fixkostenblöcke aus Sudhaus, Abfüllanlage und Mehrweglogistik stemmen muss, die sich bei sinkender Auslastung kaum kurzfristig anpassen lassen. Genau diese Betriebsgröße, die klassische Regionalbrauerei mit Tradition, trifft es aktuell also besonders hart.
Was kannst du als Konsument tun?
Diese Frage stelle ich mir als Biersommelier natürlich auch selbst, und ich glaube, dass wir als Konsumenten tatsächlich etwas bewirken können, auch wenn wir den grundsätzlichen Strukturwandel nicht aufhalten werden:
- Bewusst regional kaufen: Greif im Supermarkt oder Getränkemarkt gezielt zu Bieren aus deiner Region statt immer nur zu den großen überregionalen Marken. Jede verkaufte Kiste zählt für die Auslastung der lokalen Brauerei.
- Direkt bei der Brauerei kaufen: Viele Regionalbrauereien haben einen eigenen Hofladen oder Onlineshop. Der Direktvertrieb bringt spürbar bessere Margen als der Verkauf über den Großhandel oder Discounter.
- Brauereigasthöfe und lokale Kneipen besuchen: Frag in deiner Stammkneipe gezielt nach dem Bier der Brauerei aus der Region, statt automatisch zur bekanntesten Marke zu greifen.
- Auf Volksfeste und Brauereifeste gehen: Diese Veranstaltungen sind für viele kleinere Brauereien eine wichtige zusätzliche Einnahmequelle und gleichzeitig gelebte Braukultur.
- Auch alkoholfreie Varianten regionaler Brauereien probieren: Wenn du weniger Alkohol trinken möchtest, greif trotzdem zur alkoholfreien Sorte deiner Lieblingsbrauerei statt zur großen Supermarktmarke. Das hilft der Brauerei, in diesem wachsenden Segment mitzuhalten.
- Bierkultur weitergeben: Nimm Freunde oder Kollegen zu einer geführten Bierverkostung mit. Wer einmal versteht, wie viel Handwerk und Regionalität in einem guten Bier steckt, kauft danach oft bewusster ein.
- Genossenschafts- oder Crowdfunding-Modelle unterstützen: Einige Brauereien bieten mittlerweile Genossenschaftsanteile oder Crowdfunding-Kampagnen an, über die sich Fans direkt am Fortbestand beteiligen können.
Mein persönlicher Tipp
Bevor du das nächste Mal automatisch zur immer gleichen großen Marke im Getränkemarkt greifst, probier bewusst ein Bier aus deiner Region. Die Chance ist hoch, dass du eine positive Überraschung erlebst, und du unterstützt damit direkt ein Stück Braukultur, das sonst in ein paar Jahren vielleicht nicht mehr existiert.
Mein Fazit als Biersommelier
Das Brauereisterben in Deutschland ist kein vorübergehendes Phänomen, sondern, wie es der Deutsche Brauer-Bund selbst formuliert, eine echte Zäsur. Mit jeder Brauerei, die verschwindet, geht mehr verloren als nur ein Produktionsstandort: Ausbildungsplätze, gewachsene Wirtshauskultur, Vereinsförderung vor Ort und ein Stück regionaler Geschichte, wie im Fall von Eichbaum fast 350 Jahre davon. Gleichzeitig bleibt Deutschland vorerst ein Land mit außergewöhnlicher Biervielfalt, auch weil kleine, spezialisierte Brauereien weiterhin neu entstehen und wachsen. Ob diese Vielfalt auf Dauer erhalten bleibt, entscheidet sich meiner Überzeugung nach auch an der Ladentheke, bei jeder einzelnen Kaufentscheidung von uns Konsumenten.
Häufig gestellte Fragen
Wie viele Brauereien gibt es aktuell noch in Deutschland?
2025 gab es laut Statistischem Bundesamt noch 1.415 Brauereien in Deutschland. 2019, im letzten Jahr vor der Corona-Pandemie, waren es mit 1.552 deutlich mehr.
Wie viele Brauereien haben in den letzten Jahren aufgegeben?
Laut Deutschem Brauer-Bund haben in den sechs Jahren bis April 2026 insgesamt 137 Brauereien in Deutschland aufgegeben, davon allein 52 im Jahr 2024.
Welche bekannten Brauereien haben zuletzt Insolvenz angemeldet?
Zu den bekanntesten Fällen der letzten Monate zählen die Traditionsbrauerei Eichbaum aus Mannheim, die Aktienbrauerei Kaufbeuren, die Brauerei Ott aus Bad Schussenried, die Hamburger Landgang Brauerei, die Brauerei Westheim sowie das Hofbrauhaus Wolters, die Brauerei Leikeim und die Colbitzer Heide-Brauerei.
Was sind die Hauptgründe für das Brauereisterben?
Die wichtigsten Gründe sind sinkender Bierkonsum vor allem bei jüngeren Generationen, stark gestiegene Energie- und Rohstoffkosten, an ihre Grenzen gestoßene Preiserhöhungen und ein hoher Investitionsdruck durch die geplante Klimaneutralität der Branche bis 2045.
Trifft die Krise alle Brauereigrößen gleich stark?
Nein. Sehr kleine Mikrobrauereien mit unter 1.000 Hektolitern Jahresausstoß wachsen seit 2015 sogar, während klassische mittelständische Regionalbrauereien mit hohen Fixkosten am stärksten unter Druck stehen.
Was kann ich als Verbraucher gegen das Brauereisterben tun?
Am wirksamsten ist es, bewusst regionale Biere zu kaufen, idealerweise direkt bei der Brauerei oder in lokalen Kneipen, Brauereifeste zu besuchen und auch alkoholfreie Varianten regionaler Brauereien zu unterstützen, statt automatisch zu großen überregionalen Marken zu greifen.
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