Welches Bier war das nochmal, das ich letzten Sommer im Urlaub so gut fand? Wo gibt es in meiner Stadt gerade das interessanteste Tap-List? Und lohnt es sich wirklich, jedes Bier einzuscannen und zu bewerten? Als Biersommelier werde ich regelmäßig gefragt, welche App ich für Bierfans empfehle. Zeit für einen ehrlichen, etwas kritischen Rundgang durch die bekanntesten Bier-Apps, inklusive der Frage, wem diese Plattformen eigentlich gehören und was das für ihre Neutralität bedeutet.
⚡ Die wichtigsten Bier-Apps auf einen Blick
- Untappd: der Platzhirsch, über 12 Millionen Nutzer weltweit, Check-ins, Badges, soziales Netzwerk
- BeerTasting: europäische Alternative aus Salzburg, über 225.000 Nutzer, besonders stark bei deutschsprachigen Bieren
- BeerAdvocate: seit 1996, ausführliche Reviews und Forum, gehört seit 2020 zum selben Konzern wie Untappd
- RateBeer: einst der dritte große Player, seit Februar 2025 endgültig abgeschaltet
- BeerTasting.com: die deutschsprachige Alternative aus Salzburg, über 250.000 registrierte Nutzer, mit eigenem Community Award in Kooperation mit dem European Beer Star
- TapHunter / BreweryMap: spezialisiert auf das Finden von Tap-Lists und Brauereien in der Nähe
Untappd: Der unangefochtene Platzhirsch
Untappd ist für die meisten Bierfans der erste Griff, wenn ein neues Bier vor ihnen steht. Das Prinzip ist einfach: Bier scannen oder suchen, bewerten, ein Foto machen, fertig ist der Check-in. Über die Jahre hat sich daraus ein soziales Netzwerk mit Abzeichen, Freundeslisten und Rankings entwickelt, inzwischen nach eigenen Angaben mit über 12 Millionen Nutzern weltweit. Auch Brauereien und Bars setzen mittlerweile stark auf Untappd, viele Lokale zeigen ihre aktuelle Tap-List direkt über die App an.
Die App ist kostenlos nutzbar, mit einem optionalen, kostenpflichtigen Untappd-Insider-Abo für erweiterte Statistiken. Für Brauereien und Taprooms gibt es zusätzlich kostenpflichtige Business-Tools zur Menügestaltung, die inzwischen mehrere hundert US-Dollar im Jahr kosten, ein Grund dafür, dass Untappd auch als Geschäftsmodell für den Betreiber Next Glass funktioniert und nicht nur als kostenlose Community-App.
Der größte Kritikpunkt aus meiner Sommelier-Sicht: Die schnelle Check-in-Kultur verleitet dazu, Bier eher nebenbei zu bewerten statt es wirklich bewusst zu verkosten. Eine Zahl zwischen 1 und 5 in wenigen Sekunden vergeben ist etwas anderes als eine strukturierte Verkostung nach Aussehen, Geruch, Geschmack und Abgang. Zudem zeigen Vergleiche zwischen den Plattformen immer wieder, dass die gleiche Biernote auf Untappd oft niedriger ausfällt als auf anderen Portalen, die Skalen sind also nicht direkt vergleichbar.
BeerTasting: Die europäische Alternative aus Salzburg
Wer eher im deutschsprachigen Raum unterwegs ist, sollte sich auch BeerTasting anschauen. Die App kommt vom Salzburger Unternehmen Kalea, das bereits seit 2010 im Biergeschäft aktiv ist, unter anderem mit Bieradventskalendern und einem monatlichen Bier-Abo. Im November 2016 ging daraus die erste europäische Bier-Tasting-App an den Start, bewusst als europäisches Gegenstück zu Untappd konzipiert. Nach eigenen Angaben zählt BeerTasting inzwischen über 225.000 registrierte BeerTaster und mehr als 350.000 erfasste Biere in der Datenbank.
Funktional ähnelt BeerTasting stark dem Untappd-Prinzip, Bier scannen oder suchen, bewerten, in den eigenen „Bierkeller“ aufnehmen. Der große Unterschied liegt im Fokus: Die Datenbank ist besonders stark bei deutschen, österreichischen und Schweizer Bieren, inklusive eigener Ranglisten wie den besten Festbieren, Märzen oder alkoholfreien Bieren aus der DACH-Region, ein Bereich, in dem die großen US-Apps naturgemäß dünner aufgestellt sind. Dazu kommt eine ungewöhnliche Mischung aus Community-App und Onlineshop: Über die zugehörige Plattform lassen sich auch gleich Tasting-Boxen und Bierabos einzelner Brauereien bestellen, BeerTasting ist also nicht nur Bewertungsplattform, sondern auch aktiv im Bierverkauf tätig. Das ist praktisch für alle, die direkt zur Bewertung auch gleich nachbestellen wollen, aus Neutralitätssicht aber ebenfalls ein Punkt, den man im Hinterkopf behalten sollte, ganz ähnlich wie bei den Konzern-Verflechtungen der großen US-Plattformen.
BeerAdvocate: Die Bibliothek für alle, die wirklich lesen wollen
BeerAdvocate wurde bereits 1996 von den Brüdern Jason und Todd Alström gegründet und zählt damit zu den ältesten Bierbewertungsplattformen überhaupt. Im Gegensatz zu Untappd liegt der Fokus weniger auf schnellen Check-ins und mehr auf ausführlichen, textbasierten Reviews und einem aktiven Diskussionsforum. Wer sich wirklich in die Bewertung eines Bieres vertiefen will, findet hier oft deutlich detailliertere Beschreibungen als in der Kurzbewertung anderer Apps.
Wichtig zu wissen: BeerAdvocate ist seit 2020 keine unabhängige Konkurrenz zu Untappd mehr, sondern gehört zum selben Mutterkonzern Next Glass. Beide Marken werden zwar bewusst getrennt weitergeführt, mit eigener Website und eigener Community, letztlich sitzen aber zwei der drei einst großen Bierbewertungsportale inzwischen unter einem gemeinsamen Firmendach.
RateBeer: Der gefallene Gigant, ein Lehrstück über Konzerninteressen
Besonders spannend, und aus meiner Sicht als kritischer Beobachter der Bierbranche auch lehrreich, ist die Geschichte von RateBeer. Die im Jahr 2000 gegründete Plattform war über viele Jahre eine der wichtigsten Anlaufstellen für Craft-Bier-Fans weltweit, mit einer besonders starken internationalen und europäischen Nutzerbasis. 2016 wurde bekannt, dass ZX Ventures, der Investmentarm von AB InBev, heimlich eine Minderheitsbeteiligung an RateBeer erworben hatte, 2019 übernahm AB InBev die Plattform komplett.
Das sorgte damals zurecht für erhebliche Kritik aus der Craft-Bier-Szene: Ein Weltkonzern, der selbst Hunderte Biermarken besitzt, als Eigentümer einer angeblich neutralen Bewertungsplattform, auf der genau diese Marken ebenfalls bewertet werden. Mehrere Brauereien forderten damals sogar, ihre Biere von der Seite entfernen zu lassen. Am Ende blieb RateBeer unter AB InBev jahrelang weitgehend ungepflegt liegen, bis der Konzern die Plattform zum 1. Februar 2025 endgültig abschaltete. Für mich ein Paradebeispiel dafür, wie wichtig es ist, sich zu fragen, wem eine vermeintlich neutrale Bewertungsplattform eigentlich gehört, bevor man ihren Zahlen blind vertraut.
BeerTasting.com: Die deutschsprachige Alternative
Neben den großen amerikanischen Plattformen lohnt sich für deutschsprachige Bierfans ein Blick auf BeerTasting.com. Die App wird vom Salzburger Unternehmen Kalea betrieben, das bereits 2010 gegründet wurde und eng mit unabhängigen Privatbrauereien aus dem deutschsprachigen Raum zusammenarbeitet. Nach eigenen Angaben zählt die Plattform mittlerweile über 250.000 registrierte Nutzer, mit einem klaren Schwerpunkt auf Bieren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Funktional ähnelt BeerTasting dem Prinzip von Untappd, Bier scannen, bewerten, in der eigenen Bierkeller-Übersicht sammeln, dazu kommen aber sehr auf den DACH-Raum zugeschnittene Ranglisten, etwa zu den besten Dunkelbieren, Märzen oder alkoholfreien Bieren aus Deutschland und Österreich. Seit 2024 vergibt BeerTasting zudem gemeinsam mit dem European Beer Star einen eigenen Community Award, bei dem die Biere für die App-Verkostung anonymisiert werden, also ohne erkennbare Marke oder Brauereiname, um eine unvoreingenommene Bewertung durch die Community zu ermöglichen.
Ein Unterschied zu den rein amerikanischen Plattformen: Kalea betreibt neben der App auch einen eigenen Online-Shop mit Bierboxen, einem monatlichen Bier-Abo und Adventskalendern. Das Unternehmen ist damit selbst kommerziell im Biergeschäft aktiv, was bei der Einordnung von Empfehlungen und Ranglisten innerhalb der App immer mitgedacht werden sollte, auch wenn hier keine Konzerninteressen wie bei RateBeer und AB InBev im Spiel sind, sondern ein mittelständisches, auf Craft- und Privatbrauereien fokussiertes Unternehmen.
Weitere nützliche Apps für unterwegs
Neben den drei großen Bewertungsportalen lohnt sich für Bierfans auf Reisen auch ein Blick auf spezialisierte Kartendienste. Apps wie TapHunter oder BreweryMap konzentrieren sich weniger auf Bewertungen und mehr darauf, in der Nähe tatsächlich verfügbare Tap-Lists, Brauereien und Bars zu finden, praktisch etwa bei einer Brauerei-Tour oder in einer fremden Stadt. Gerade wenn es nicht um das Sammeln von Bewertungen, sondern schlicht um die Frage geht, wo es gerade das interessanteste frische Bier gibt, sind solche Kartendienste oft die schnellere Lösung.
Was Apps nicht ersetzen können
So praktisch diese Apps auch sind, um Biere wiederzufinden und Erinnerungen festzuhalten, sie ersetzen keine strukturierte Verkostung. Eine App-Bewertung entsteht oft unter Zeitdruck, in geselliger Runde, ohne passendes Glas oder korrekte Trinktemperatur, und wird stark von Stimmung und Hype rund um ein Bier beeinflusst. Genau das führt zu Effekten, die ich auch von meinen eigenen Tastings kenne: Ein und dasselbe Bier kann je nach Situation völlig unterschiedlich bewertet werden.
Für mich sind Untappd, BeerAdvocate und Co. deshalb ein guter digitaler Notizzettel und eine praktische Möglichkeit, Biere und Brauereien zu entdecken, aber kein Ersatz für das eigene, geschulte Probieren mit allen Sinnen. Wer wirklich verstehen will, warum ein Bier gut oder eben nicht gut ist, kommt am persönlichen Verkosten mit etwas Hintergrundwissen zu Bierstilen nicht vorbei.
Vom App-Check-in zur echten Verkostung 🍺
Ihr wollt Bier nicht nur in eine App eintippen, sondern wirklich verstehen, warum es so schmeckt, wie es schmeckt? Bei meinen Bier-Tastings in Eppingen & Heilbronn zeige ich euch, worauf es bei Aussehen, Geruch, Geschmack und Bierstil wirklich ankommt, ganz ohne Punkteskala und Algorithmus.
👉 Zu meinen Tasting-TerminenHäufig gestellte Fragen (FAQ)
Was ist BeerTasting und wie unterscheidet es sich von Untappd?
BeerTasting ist eine 2016 gestartete europäische Bier-App des Salzburger Unternehmens Kalea, funktional an Untappd angelehnt, aber mit besonders starker Datenbank für deutsche, österreichische und Schweizer Biere. Zusätzlich betreibt Kalea über die Plattform einen eigenen Onlineshop mit Tasting-Boxen und Bierabos.
Welche App ist die beste für Bierfans?
Für die meisten Bierfans ist Untappd der praktischste Einstieg, mit über 12 Millionen Nutzern weltweit, schnellen Check-ins und guter Standortsuche. Wer besonders viele deutsche, österreichische oder Schweizer Biere bewerten will, findet bei BeerTasting oft eine bessere Datenbank. Wer lieber ausführliche, textbasierte Reviews liest, ist bei BeerAdvocate besser aufgehoben.
Ist Untappd kostenlos?
Ja, Untappd ist in der Grundfunktion kostenlos nutzbar. Es gibt ein optionales, kostenpflichtiges Insider-Abo mit erweiterten Statistiken sowie separate, kostenpflichtige Business-Tools für Brauereien und Taprooms.
Was ist mit RateBeer passiert?
RateBeer wurde 2016 zunächst teilweise und 2019 vollständig von ZX Ventures, dem Investmentarm des Bierkonzerns AB InBev, übernommen. Nach Jahren mit wenig Weiterentwicklung stellte AB InBev den Betrieb zum 1. Februar 2025 endgültig ein.
Gehören Untappd und BeerAdvocate zum gleichen Unternehmen?
Ja. BeerAdvocate wurde 2020 vom Untappd-Mutterkonzern Next Glass übernommen. Beide Plattformen laufen zwar weiterhin unter eigenem Namen und eigener Community, gehören inzwischen aber demselben Unternehmen.
Gibt es eine gute deutschsprachige Alternative zu Untappd?
Ja, BeerTasting.com aus Salzburg ist mit über 250.000 registrierten Nutzern und einem klaren Fokus auf Biere aus Deutschland, Österreich und der Schweiz eine gute deutschsprachige Alternative, inklusive eigener DACH-Ranglisten und einem Community Award in Kooperation mit dem European Beer Star.
Kann eine App eine echte Bierverkostung ersetzen?
Nein. App-Bewertungen entstehen meist schnell, unter Zeitdruck und ohne kontrollierte Bedingungen wie passendes Glas oder Trinktemperatur. Für ein wirkliches Verständnis von Bierstilen und Qualität bleibt eine strukturierte, bewusste Verkostung unersetzlich.

