Mitten im bayerischen Odenwald, in einem 900-Seelen-Dorf namens Rüdenau, steht die nach eigenen Angaben größte Whisky-Brennerei Kontinentaleuropas. St. Kilian Distillers hat es in nur wenigen Jahren geschafft, von einer ehemaligen Textilfärberei zu einem international mehrfach ausgezeichneten Produzenten von Single Malt Whisky „Made in Germany“ zu werden. Als zertifizierter Whisky-Experte (EWA) habe ich mir die Brennerei genauer angeschaut – hier erfährst du alles zu Geschichte, Herstellung, Sortiment und wie du selbst einen Besuch planst.
🥃 Kurz & knapp
- Gegründet: 27. September 2012 von Andreas Thümmler, erste Destillation am St. Patrick’s Day (17. März) 2016
- Standort: Rüdenau, Landkreis Miltenberg, Unterfranken/Bayern – in einer ehemaligen Textilfärberei
- Besonderheit: Eine der größten Whisky-Destillerien Kontinentaleuropas, gebaut nach original schottischem Vorbild
- Bekannteste Produkte: Bud Spencer „The Legend“ & Terence Hill „The Hero“
- Auszeichnung: „World-Class Distillery“ bei den World Spirits Awards 2023 & 2025
- Besuchbar: Ja – Führungen, Tastings, Shop und das jährliche St. Kilian Whisky Festival
Geschichte: Von der Textilfärberei zur größten Whisky-Brennerei Deutschlands
Die St. Kilian Distillers GmbH wurde am 27. September 2012 vom Investmentbanker Andreas Thümmler gegründet. Seine Vision: eine deutsche Destillerie, die Single Malt Whisky vollständig nach schottischem Vorbild produziert – nicht nur in der Rezeptur, sondern auch in Ausrüstung und Handwerk. Unterstützung holte er sich dabei bei echten Profis: dem irischen Master Distiller David F. Hynes aus Dublin, einem der erfolgreichsten seines Fachs, sowie dem Diplom-Braumeister Mario Rudolf, der als Master Distiller viele Jahre für die Produktion verantwortlich war.
Die Brennerei entstand in den Räumlichkeiten der ehemaligen Textilfärberei Meixner am Ortseingang von Rüdenau, einem kleinen Seitental des Maintals im bayerischen Teil des Odenwalds. Am St. Patrick’s Day, dem 17. März 2016, lief der erste Spirit durch die Pot Stills. Seit 2019 sind die international mehrfach prämierten Single Malt Whiskys offiziell im Handel erhältlich.
Woher kommt der Name „St. Kilian“?
Der Name der Brennerei ist eine Hommage an den iro-schottischen Wanderbischof Kilian, der im 7./8. Jahrhundert im Auftrag des Papstes nach Würzburg zog, um dort zu missionieren. Diese historische Brücke zwischen Irland und Franken passt thematisch perfekt zu einer Brennerei, die schottisch-irisches Whisky-Handwerk mit deutscher Ingenieurskunst verbindet.
Wie wird St. Kilian Whisky hergestellt?
St. Kilian verfolgt konsequent das Ziel, deutschen Whisky auf schottischem Qualitätsniveau herzustellen – und das beginnt bereits beim Rohstoff.
Malz: Deutsch und schottisch kombiniert
Für die Produktion kommen sowohl ungeräuchertes als auch geräuchertes Gerstenmalz zum Einsatz. Das ungetorfte Malz stammt aus einer renommierten fränkischen Mälzerei in Bamberg, ebenso wie das mit Buchenholzrauch geräucherte Malz. Das torfrauchige Malz hingegen wird direkt aus Schottland importiert – über Kontakte, die auf die langjährige Verbindung zu Master Distiller David Hynes zurückgehen.
Maischen, Gärung und Destillation nach schottischem Vorbild
Das Maischen erfolgt in einer 12.000 Liter fassenden Mashtun, der feste Treber dient anschließend als Viehfutter. Die Gärung findet in Washbacks aus Oregon Pine (Douglasie) statt – demselben Holz, das auch die meisten schottischen Brennereien verwenden. Die Destillation läuft über charakteristische Kupfer-Pot-Stills der schottischen Traditionsfirma Forsyths, mit einer Kapazität von jeweils 6.000 Litern für Wash- und Spiritstill.
Fassreifung: Über 370 Fassarten aus aller Welt
Ein Markenzeichen von St. Kilian ist die außergewöhnliche Experimentierfreude bei der Fassreifung. Die Brennerei wirbt damit, in über 370 verschiedenen Fassgrößen und Holzarten aus aller Welt reifen zu lassen – darunter ungarische Eiche sowie ehemalige Rum- und Madeira-Fässer. Ein Teil der Fässer lagert dabei an einem ungewöhnlichen Ort: in ehemaligen militärischen Munitionsbunkern im Odenwald, der sogenannten „St. Kilian Bunker City“ im ehemaligen NATO-Munitionsdepot Hainhaus.
🛢️ Private Casks: dein eigenes Whiskyfass
St. Kilian bietet die Möglichkeit, ein eigenes 30-Liter-Fass zu erwerben. Du wählst Holzart und Rezeptur selbst aus, das Fass reift anschließend drei Jahre in der Brennerei und wird für dich abgefüllt – inklusive selbst gestaltetem Etikett. Eine der wenigen Brennereien in Deutschland, die dieses Angebot in dieser Form macht.
Das Sortiment: Von Bud Spencer bis Heavy Metal
St. Kilian ist für seinen bewusst unkonventionellen Umgang mit Popkultur bekannt. Die bekanntesten Abfüllungen tragen die Namen der Kult-Schauspieler Bud Spencer und Terence Hill und sollen deren Abenteuergeist und Freundschaftwispiegeln.
Bud Spencer & Terence Hill
Die bekanntesten Editionen der Brennerei, benannt nach den Kult-Schauspielern, inklusive einer getorften „Feuerwasser“-Variante von Bud Spencer.
Signature Editions
Wechselnde Editionen mit besonderem regionalen Bezug – etwa fränkisches Malz kombiniert mit fränkischen Weinfässern.
Rock Editions
Kooperationen mit Bands wie Grave Digger, Judas Priest und Scorpions – Whisky mit Kultfaktor für die Heavy-Metal-Szene.
Cigar Malt & Ironfinger
Neuere Spezialabfüllungen, u. a. eine Kollaboration mit dem Gitarrenhersteller Framus.
Ergänzt wird das Sortiment durch Liköre auf Whisky-Basis sowie einen eigenen Gin. Wer sich für das komplette, aktuelle Sortiment interessiert, findet die Übersicht auf der offiziellen Website von St. Kilian Distillers.
Auszeichnungen & Anerkennung
| Jahr | Auszeichnung |
|---|---|
| 2018 | World’s Best White Dog, World Whiskies Awards |
| 2023 | „World-Class Distillery“ & Distillery of the Year, World Spirits Awards (WSA) |
| 2023 | 7 von 24 Deutschland-Medaillen bei den Bartender Spirits Awards, San Francisco |
| 2025 | Erneut „World-Class Distillery“, World Spirits Awards (WSA) |
Aktuelles: Neue Führung in der Produktion
Nach dem Abschied von Master Distiller Mario Rudolf setzt St. Kilian ab 2026 auf ein Teamwork-Modell statt eines einzelnen Master Distillers. Die Zwillingsbrüder Kim und Kevin Dippel, die schon seit zwei beziehungsweise vier Jahren in der Brennerei arbeiten, übernehmen gemeinsam mit weiteren Mitarbeitern die Verantwortung für Produktion und Qualitätsmanagement. Ein spannender Umbruch für eine Brennerei, die sich gerade erst als feste Größe der internationalen Whisky-Szene etabliert hat.
St. Kilian besuchen: Führungen, Tastings & Whisky Rallye
Andreas Thümmler bezeichnet St. Kilian selbst gerne als „Besucher-Distillery“ – und das lässt sich bestätigen: Auf Tripadvisor belegt die Brennerei Platz 1 von 1 Aktivitäten in Rüdenau und wurde mit einem Travellers‘ Choice Award ausgezeichnet. Besucher loben regelmäßig die fachkundigen, unterhaltsamen Führungen und die gepflegte Anlage.
- Klassische Führungen durch die Destillerie mit Verkostung
- Die „St. Kilian Whisky Rallye“ zum eigenständigen Erkunden von Destillerie und Bunker City (Dauer: ca. 2 Stunden)
- Übernachtungsmöglichkeit mit dem Wohnmobil auf dem Parkplatz der Destillerie (je nach Kapazität)
- Destillerie-Shop vor Ort für den direkten Kauf ab Hof
📅 Aktuelle Termine & Preise prüfen
Öffnungszeiten, Tourtermine und Preise ändern sich bei St. Kilian öfter, u.a. wegen Sonderveranstaltungen. Ich empfehle, Führungen und Tastings direkt über die offizielle Website zu buchen und dort die tagesaktuellen Zeiten zu prüfen.
Das St. Kilian Whisky Festival
Einmal im Jahr verwandelt sich Rüdenau in ein Whisky-Mekka: Beim St. Kilian Whisky Festival öffnen sowohl die Destillerie als auch die St. Kilian Bunker City ihre Tore für Kurztouren, exklusive Tastings und kulinarische Angebote. Der Eintritt zum Festival selbst ist kostenfrei, für exklusive Tastings und das Pre-Opening-Event am Vorabend werden separate Tickets benötigt. Da direkt an der Destillerie kein Parkplatz zur Verfügung steht, pendeln Shuttlebusse von einem externen Parkplatz in Kleinheubach.
Mein Fazit als Whisky-Experte
St. Kilian zeigt eindrucksvoll, dass deutscher Single Malt Whisky international mithalten kann – nicht durch Kopieren, sondern durch die konsequente Kombination aus schottischem Handwerk, deutscher Braukunst und einer gehörigen Portion Experimentierfreude bei der Fassreifung. Die Kombination aus ernsthafter Braukunst und einem Sinn für Popkultur (Bud Spencer, Heavy-Metal-Kooperationen) macht die Marke unverwechselbar. Wer deutschen Whisky noch nicht ernst genommen hat, sollte spätestens jetzt einen Blick – oder besser: einen Schluck – riskieren. Ein Besuch der Brennerei lohnt sich definitiv, gerade in Kombination mit dem jährlichen Whisky Festival.
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